Ein Marktplatz der Utopien und der Träume von einer Welt, die nicht von Rücksichtslosigkeit, Intoleranz, Egoismus und Geldscheffeln bestimmt ist. – Eine Welt, die bunt ist statt grau, die laut und chaotisch daherkommt, wo die Grenzen zwischen Akteuren und Publikum verwischen, – Gemeinschaft und Individualität, – kollektives Ausflippen, – Zeitlosigkeit, in der Alltägliches zur Nichtigkeit degradiert wird, – das Gefühl, eine andere Welt ist doch möglich‑ Selbsttäuschung als Überlebensstrategie – Neugier auf neue akustische, visuelle, kulturelle und emotionale Erfahrungen. (Quelle)
Der Ankündigungstext zum Festival wirkt inhaltlich wie eine Mischung aus Aufruf zum Weltkirchentag und Anti-G8-Demo: Weit weg von theoretischer Reflexion, dafür ganz nah dran am Menschen. Das Niveaulimbo für das verlängerte Wochenende ist eröffnet.
Das Navigationssystem hält es für sinnvoll die Autobahnen über weite Strecken zu meiden. Der vorgegebene Weg führt mitten durch ostdeutsches Brachland, über baulich höchstbedenkliche Strassen durch baulich noch bedenkenswertere Ortschaften. In den Vorgärten dicke alte Männer, die sich trotz vermutlich beständiger Sonneneinstrahlung eine vornehme Blässe beibehalten haben, ab und zu einzig durch krebsroten Sonnenbrand kontrastiert. Jugendliche oder zumindest junge Erwachsene sieht man dagegen kaum. An einer Bushaltestelle propagiert ein mit schlechter Dosenführung gespraytes »Deutschland über alles« mitsamt Hakenkreuz nationale Überlegenheit. Das hätte kein Karikaturist besser hinbekommen.
Trotz der, dem Festival anhaftenden Hippie-Attitüde hat sich zumindest auf dem Trance-Floor eine beachtliche Menge an anabolgeschädigtem Solariuminventar eingefunden. Dank offensichtlich stark erhöhtem Serotonin-Haushalt beschränken sich die Anwesenden allerdings auf grenzdebiles Grinsen. Dass irgendjemand den Schwachsinnigen Trillerpfeifen gegeben hat, halte ich für unnötig, als ob es nicht so schon offensichtlich genug wäre, dass die Gleichung Sozialisation auf dem platten Land plus größere Mengen 3,4-Methylendioxy‑N-methylamphetamin eher weniger stilsicheres und niveauvolles Auftreten auf der Tanzfläche ergibt.
Obwohl die Anzahl der mir bekannten Acts relativ gering ist, lässt mein katastrophales Zeitmanagement mich auch davon noch die Hälfte verpassen. Immerhin schaffe ich es zu Juri Gagarin. Diese spielen in einem alten Flugzeughangar, was die Temperaturen ins Unermessliche steigen lässt. Die Menschen sehen stark amüsiert aus, mich hier auf die metaphorischen Abgründe einer Verbindung zwischen der Hitze im Hangar und einer etwaigen kochenden Stimmung einzulassen, spar ich mir dennoch.
Irgendwann morgens, am Rand der Tanzfläche: Dass ich nicht beschäftigt genug aussehe nutzt ein mit einer beachtlichen Menge Schaum vorm Mund ausgestatteter Hippie mir seine zu meinem Glück dann doch arg zeitgeraffte Lebensgeschichte zu erzählen. Diese beendet er mit der Konklusion: »You can never trust a woman.«, allerdings nicht ohne im Weggehen noch ein selbstbewusstes »You’ll never forget my words, believe me« hinterherzuschicken. Da ich diese Drohung durchaus ernst nehme, beginne ich meine Suche nach Hochprozentigem zu intensivieren.
Schnaps gibt es an der Spacebar nicht. Stattdessen versucht die Verkäuferin mich vom Erwerb eines Herbal Venus Love Drink zu überzeugen, der mich mit meiner Liebe ins Reine bringen soll. Trotz meines angeschlagenen Zustands beschließe ich diese Offerte höflich aber bestimmt abzulehnen.
Da Raven und Schlafen sich prinzipiell schon nicht wirklich gut vertragen, ist das als Schlafersatz zu betrachtende Dahinvegitieren in einem tagsüber hellen, überhitzten und schlecht durchlüfteten Zelt eine erst recht unangenehme Vorstellung. Daher erscheint Wachbleiben als die elegantere Alternative, nicht allerdings ohne ihren Tribut zu fordern. Körperliche und geistige Ausfallerscheinungen drängen sich geradezu unangenehm auf. Der Rest des Festivals verschwindet in undefinierbaren Erinnerungen. Es wird wohl gut gewesen sein.