Alle Jahre wieder beginnt im Sommer die Festival-Saison. Das romantische Bedürfnis, im Einklang mit der Natur guter Musik zu lauschen, zu tanzen und den Alltag für ein paar Tage hinter sich zu lassen, mag als Ansatz vielleicht sympathisch klingen – muss aber schon längst der bitteren Realität weichen. Über das notwendige Missverhältnis von Ferien und Kommunismus vor allem auf dem Fusion-Festival schreibt Chris.
Während draußen die ersten Sonnenstrahlen zum allmählichen Flanieren in weitläufig-verwinkelten Parks, urbanen Einkaufsmeilen oder einfach nur zum geselligen Beisammen‑ oder Alleinsein unter freiem Himmel im Grünen einladen, breitet sich drinnen in den Oberstübchen auch bisweilen recht vernünftiger Menschen jene rigide Melange aus selbstverordneter Heiterkeit und zwanghaftem Aktionismus aus, mit der wochenlang Freunde und Bekannte gepiesackt werden. Mit zumeist prätentiösem Tonfall wird suggeriert: man gehört zu zigtausend Auserwählten, die sich freiwillig in die Multitude eines Festivals stürzen dürfen. Wer keine Karte mehr für eine der mittlerweile zur Inflation regredierten Freiluftveranstaltungen im Vorverkauf ergattern konnte, hat nicht genug Zeit und Ellenbogen investiert und ist irgendwie ziemlich out. Wer seine wohlverdienten sommerlichen Feierabende oder Wochenenden trotz einer gewissen Affinität zu Musik und Tanz nicht im ganz und gar uncharmanten Getöse bierseliger Berufsjugendlicher auf Stadtflucht verbringen und die erhabene Gabe des Schlafs nicht unbedingt mit Isomatte, Zelt und dem Gestank von Urin in Zusammenhang bringen will, ist für viele Festival-Apologeten ein Drückeberger und Spießer – zumindest für ein paar Wochen während des Sommers. Wer nicht dabei ist, so wird suggeriert, verpasst die Chance seines Lebens nicht nur die angesagtesten internationalen Acts einmal live zu sehen, sondern vielleicht auch in den Geschmack der neuesten Designerdroge zu kommen: der »kollektive Ausnahmezustand entfaltet sich an einem Ort ohne Zeit,« »ein Karneval der Sinne,« in dem sich für viele die »Sehnsucht nach einer besseren Welt spiegelt.«
Die abgestandene Floskel vom »Ferienkommunismus«, mit dem das allseits beliebte Fusion-Festival, das jährlich in der mecklenburg-vorpommerschen Provinz ausgetragen wird, Werbung in eigener Sache macht, steht beispielhaft für jenes identitäre Bedürfnis, das für viele anscheinend erst unter freiem Himmel und im Einklang mit der Natur richtig zusammenfinden kann. Den falschen Bezug auf ein allzu romantisches Verhältnis zur Natur einmal beiseite gelassen – wer erinnert sich noch später an die Berge von Müll auf dem Festivalgelände? – machen sich nämlich gerade dort noch schlimmere Formen dessen bemerkbar, welch Budenzauber vor allem hierzulande als Spaß und Freiheit gilt. Wer auf nicht allen, aber den meisten Festivals spätestens am zweiten Abend den dezidierten Rückfall noch hinter die banalsten zwischenmenschlichen Umgangsformen beobachten durfte, wird Rückschlüsse ziehen können, die über den Sozialcharakter einer Gesellschaft sehr wohl eine Aussage treffen lassen: Grölende Prolls, singende Hippies, dreiste Spätpubertierende und eine beständig quirlige Unruhe sorgen für das Begleitprogramm eines riesengroßen Rackets, dessen Mitglieder sich jenseits der Festivalgrenzen in fürchterlicher Konkurrenz um prekäre Arbeitsverhältnisse oder kargem Akademikerbetrieb eben noch gegenseitig auszustechen versuchten. Dieses und noch ein paar andere gesellschaftliche Missverhältnisse sollen auf der Fusion durch die »zwanglose« und allem Ernstes »unkontrollierte« Einordnung in die auf dem Festival ausgerufene Diffusion des »kollektiven Ausnahmezustand« vergessen und negiert werden – dabei ist doch eben jener Versuch des vermeintlichen Ausbruchs die Verlängerung des vermaledeiten Gesellschaftszusammenhangs gerade weil man ihm auf diese selbstbetrügerische Weise entfliehen möchte.
Wo beim Festival also diese Diffusion positiv umcodiert werden soll – ob musikalisch, drogentechnisch oder sexuell –, endet der aus der Clubkultur in die vermeintlich ungehemmte Natur transferierte Partyrausch des Festivals zumeist im bornierten Ringelpietz, der sich nicht mehr festlegen kann, weil dessen Teilnehmer tendenziell bei allen, zumindest aber der prolligen Mehrheit gut ankommen wollen.
Spätestens am zweiten Abend des Festivals zeigt sich, dass ein »unkontrollierter« Raum ohne gesellschaftliche Vermittlung bürgerlicher Normen und vielleicht auch weniger Zwänge eigentlich ein noch wenig erstrebenswerter Zustand sein kann als jene selbst. Als ich mein erstes und letztes Mal auf der Fusion war, prägten sich mir dreierlei Bilder ein: Zum einen unzählige Männer und Frauen, die ihren körperlichen Überdruß fester und flüssiger Art in den eigentlich zur Körperhygiene vorgesehenen, überall auf dem Gelände aufgestellten Wasserrinnen verrichteten – weil sie entweder zu verpeilt, zu faul oder einfach nur zu dumm waren, sich wenigstens an einen von der Öffentlichkeit abgeschirmten Ort zu begeben, um ihre Mitmenschen, die sich dort vielleicht gerade die Zähne putzten, nicht mit ihren Körpersekreten zu belästigen. Zum zweiten eine nicht gerade unbeträchtliche Zahl aufdringlicher Dauertänzer, von denen man aufgrund ihres unglaublich physischen und logistischen Aufwandes meinen konnte, dass der von ihnen – bewusst oder unbewusst – in Anspruch genommene »Ferienkommunismus« wahrlich nichts mit Ausschlafen und Gemütlichkeit zu tun haben dürfte, weil man ihnen ansehen konnte, dass sie jeden, der einmal Pause machen musste oder gar Schlafen gehen wollte, zumindest in Gedanken als Weichling links liegen ließen. Zum anderen der akute Platzmangel, der sich darin äußerte, dass man sich, selbst zurückgezogen im Zelt, niemals alleine, geschweige denn zu zweit oder gar vielleicht zu dritt fühlen konnte, weil die »dünnen Wände« der dicht an dicht gebauten Zelte »nicht nur Sex töten« (Dackelblut), sondern auch die Möglichkeit eines intimen Gesprächs und der Ruhe.
Geradezu symbolisch für den Charakter des Festivals steht die riesige Kulisse der zusammengepferchten Zeltlandschaft, über deren Dächer rund um die Uhr der Beat als mahnende Durchhalteparole hinwegfegt: Privatsphäre soll es nicht geben, man fühlt sich wenigstens für ein paar Tage vermeintlich eins mit seinen Mitmenschen und deren Weltflucht und darf deswegen keine Geheimnisse oder gar Pausen voreinander haben: weder beim Tanzen, noch beim Sex und auch nicht beim gemeinsamen Duschen – ohne Sichtschutz, versteht sich. Es scheint so, als solle die »Sehnsucht nach einer besseren Welt« für die allermeisten Festival-Besucher und die Veranstalter nicht durch einen individuellen Reflexionsprozess, der manchmal Ruhe und Intimität benötigt, um doch erst im anschließenden Austausch mit anderen reifen zu können, »gespiegelt« werden – sondern im gemeinschaftlichen Erlebnis, das statt verantwortungsbewussten Individuen und tatsächlich sinnlichem Vergnügen nur eine »Parallelgesellschaft« des Unsinns stiftet, in der alle gleich sind und niemand anders sein soll.
Alle kursiv gesetzten Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet, sind dem Selbstverständnis des Fusion-Festivals, zu finden unter www.fusion-festival.de, entnommen
Bildcredits: doubleju/photocase.com